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Zirkeltraining für die Stimme

Knuth, M. (2018): Zirkeltraining für die Stimme. Lehrer und Trainerband sowie Übungsheft Sprechstimme. Idstein. Schulz-Kirchner-Verlag.

Matthias Knuth, staatlich geprüfter Gesangslehrer, funktionaler Stimmbildner und Dozent für Stimmbildung, entwickelte, angeregt durch die Fragen und Rückmeldungen der Teilnehmer seiner Seminare, ein funktionales Stimmschulungskonzept, welches sich an Behandler (Lehrer- und Trainerband) und Klienten (Übungsheft) gleichermaßen wendet.Der Trainerband (210 Seiten A5) ist in die drei Teile: „Grundlagen“, „Anregungen für den Gruppenunterricht“ und „Kommentare zum Übungsteil“ untergliedert.Im Grundlagenteil beschäftigt sich der Autor in 23 Kapiteln auf 110 Seiten ausführlich mit der Funktionalität der Stimmgebung. Themen wie der Einfluss der Primärfunktionen der Stimmorgane auf die Phonation, die Doppelventilfunktion, die wechselseitige Beeinflussung zwischen größeren Muskelgruppen (Muskelschlingen) und der Muskulatur des Phonationsbereiches (Spannungsketten), die Stimmregister oder der Einsatz bestimmter Reflexe und Bewegungsprinzipien werden in logischer Abfolge behandelt und die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bereichen immer wieder herausgestellt. Die Anwenderverbundenheit des Autors zeigt sich beispielsweise im Kapitel „Was soll eine geschulte Stimme können“, in dem tabellarisch stimmbildnerische Themen und Ziele so dargestellt werden, dass dem Leser eine Übertragung auf eigene Therapieprozesse ermöglicht wird. Mit Betrachtungen zur Atmung, bei denen der Autor auf die Bedeutung der Stütze und des Abspannens, auch im Kontext des populären, aber „grenzwissenschaftlich(en)“ (ebd., 128) Konzeptes der Atemtypenlehre nach Wilk, verweist, endet der Grundlagenteil.Teil zwei ist mit nur vier Seiten deutlich kürzer als der erste. Der Autor bietet darin Möglichkeiten zur Übungsdurchführung in der Gruppe an. Der intentionale Aspekt des miteinander Sprechens steht dabei im Vordergrund, eine explizite Formulierung der Übungsziele wie in den folgenden Kommentaren zum Übungsteil erfolgt nicht.Als Ergänzung zum separaten Übungsheft findet der Leser im dritten Teil des Buches die Kommentare zu selbigem. Während die Anleitung der 18 Stationen und 8 Kombinationen im Übungsheft (80 Seiten A4) für Klienten konzipiert wurde und deshalb nur kurze Zielformulierungen, verständliche Übungsanleitungen und das dazugehörende Übungsmaterial (Silben, Wörter, Texte, …) enthält, werden im Lehrer- und Trainerband noch weitere Details beschrieben. In einer immer gleichen inhaltlichen und formalen Vorgehensweise präzisiert der Autor an dieser Stelle die Übungsziele und passt diese somit dem Wissen der Fachleser an. Außerdem benennt er Variationen für die Durchführung und gibt unter „Hinweise“ Informationen zur Anatomie/ Physiologie oder zu weiteren Umsetzungsmöglichkeiten. Hilfreich ist auch, dass der Leser bei Bedarf den Verweisen auf ausführliche Beschreibungen im Grundlagenteil folgen kann.„Zirkeltraining für die Stimme“ von Mathias Knuth ist eine Bereicherung für alle, die sich intensiv mit den physiologisch/ anatomischen Grundlagen der funktionalen Stimmgebung beschäftigen wollen und gleichzeitig nach geeigneten Umsetzungsmöglichkeiten suchen. Durch eine am Leser orientierte, fachlich fundierte, aber verständliche Sprache, durch Abbildungen, Hervorhebungen und v.a. eine Vielzahl von Übersichtstabellen wird das Verstehen der theoretischen Inhalte gewährleistet. Die Ausführlichkeit des Grundlagenteils erlaubt auch ein Maß an Redundanz, welches die Aufnahme der Informationen zusätzlich unterstützt. Die Angabe der herangezogenen Quellen in der Fußzeile ermöglicht einen schnellen Überblick darüber, welche Autoren/ Titel Knuth seinen Ausführungen zu Grunde legt. Das Übungsheft bietet Behandlern, die ihre Arbeit eng am Übungsteil des Autors ausrichten, die Möglichkeit, dem Patienten/ Klienten eine übersichtliche und systematische Grundlage für das häusliche Üben zur Verfügung zu stellen und somit das Arbeiten in der Therapie/ Stimmbildung effektiv zu unterstützen. Der Preis von 21,00 Euro erscheint dafür angemessen. Möglicherweise können die kurzen, zumeist verständlichen und eindeutigen Formulierungen des Autors durch spezifische Begriffe/ Durchführungshinweise aus der spezifischen Arbeitsbeziehung noch ergänzt und konkretisiert werden. Da die Übungsanweisungen des Übungsheftes im Lehrer- und Trainerband nicht noch einmal abgebildet sind, sondern nur durch Variationen und Hinweise ergänzt werden, ist der Kauf von Buch und Übungsheft empfehlenswert.

Jana Post, Lehrlogopädin am Ausbildungszentrum für Gesundheitsfachberufe des Universitätsklinikums Halle (Saale)

Praxis der Funktionalen Stimmtherapie

Föcking, W./Parrino, M. (2015): Praxis der Funktionalen Stimmtherapie. Berlin/Heidelberg: Springer Verlag. 34,99 Euro.

Das Autorenteam Wiltrud Föcking und Marco Parrino entführt die stimmtherapeutische Fachwelt auf fachlich hohem Niveau in die anregende Praxis der Funktionalen Stimmtherapie. Das Buch leitet seine Leserschaft mittels eines stringent didaktischen und optisch klar gegliederten Aufbaus durch die Inhalte. Dem ausführlichen Praxisanteil – mit 150 Übungen! – ist ein systematisch ansprechender Theorieteil vorangestellt. Unter dem Aspekt „Fazit“ werden die Kernaussagen eines jeden Kapitels resümierend dargestellt. Die für die therapeutische Praxis relevanten Schlussfolgerungen werden in den jeweiligen Kapiteln extra hervorgehoben. Zahlreiche schematische Darstellungen ermöglichen ein ergänzendes und vertiefendes Verstehen der Inhalte. Die beiden Autoren liefern dem Leser einen fundierten sowie differenzierten theoretischen Hintergrund der Methode. Sie erklären anschaulich die Stimmgebung als selbstorganisiertes System mit ihren immanenten Funktionen und leiten übergeordnete Prinzipien, sogenannte Ordner, der Stimmfunktionen ab. Die anatomischen/physiologischen Grundlagen der Stimmgebung werden prägnant und verständlich dargelegt. Föcking und Parrino räumen auch mit tradierten Vorstellungen der stimmtherapeutischen Praxis auf. So hinterfragen sie kritisch den Einfluss der „Körperresonanz“ auf die Stimmgebung, den isolierten Einsatz von Tonusübungen sowie die oft ohne Glottis- und Klangbezug praktizierte Arbeit in den Bereichen Atmung und Artikulation. Das spannende Kapitel Rhythmus sowie das Unterkapitel Psyche und Stimme könnten in ihrer Argumentation gern noch differenzierter und ausführlicher sein. Die Stimmbefundung ist als Zugabe in Form eines Befundbogens im Serviceteil verortet. Die Leser dürfen vielleicht auf eine sich anschließende Publikation zur Durchführung und Interpretation der Stimmdiagnostik im Rahmen der Funktionalen Stimmtherapie hoffen.Die Therapeutenrolle und das therapeutische Setting der Funktionalen Stimmtherapie werden ausführlich erläutert. Hierbei sei angemerkt, dass spätestens im Praxisteil erkennbar wird, wie (selbst)erfahren und reflektiert praktizierende Stimmtherapeuten sein müssen. Die therapeutische Kompetenz eine differenzierte Stimmklanganalyse durchführen zu können, die Fähigkeit adäquate Ziele und Übungen individuell abzuleiten und spontan anzupassen sowie die immer wieder prozesshafte dialogische Form der kommunikativen Interaktion zu realisieren, werden von Föcking und Parrino deutlich herausgearbeitet. Das Autorenteam betont, dass das Störungsbild einer primären hyperfunktionellen Dysphonie nicht existiere und schließt sich der Aussage Kruses an, die glottische Hypofunktion müsse gezielt behandelt werden. Konsequenterweise sind „(…) kompensatorische Funktionsmuster abzubauen und die Stimmmuskeln zu trainieren (…)“ (Föcking, Parrino 2015, S. 45). Die 150 praktischen Übungen sind übersichtlich in Kategorien systematisiert. Die Übungskategorien lassen sich den im Theorieteil vorgestellten 12 „Ordnern“ (Klangvorstellung, Hören, Sensorik, Klangorientierung, Glottisfokussierung, Aktivierung der Selbstorganisation, Durchlässigkeit, Brillanz, Vibrato, Rhythmus, Registerkoordination und Unterdruck) zuordnen. Diese ergeben sich aus den Funktionen der Stimmgebung. Bestechender Weise wird in jeder Übung die direkte Arbeit an (der Selbstregulierung) der Stimmfunktion fokussiert. Der Einsatz des Klaviers als wichtigster Bestandteil in der praktischen Umsetzung und der Modus des Tönens könnten für nicht musikalisch ausgebildete Stimmtherapeuten eine Herausforderung darstellen, die es sich aber in jedem Fall lohnt anzunehmen. Föcking und Parrino benennen einleitend zu jeder Übung die stimmfunktionalen Ziele. Die Durchführungsanleitungen der Übungen sind stichpunktartig gehalten, ermöglichen aber eine konkrete Vorstellung sowie Umsetzung. Die Übungsinhalte und -abläufe werden unter den Stichworten „Hilfen, Variationen, Zu beachten, So geht`s weiter“ ergänzt. Mit wichtigen Hinweisen und Informationen zur Wirkung und den praktischen Einsatzmöglichkeiten runden die Autoren die jeweilige Übung ab.Hervorragend sind die Audio- und Videodateien, welche als „Extras online“ dem Leser zur Verfügung stehen. Sie belegen eindrücklich die hörbare Klangveränderung auf Glottisebene und geben somit faszinierende Eindrücke ins Kerngeschehen der Stimmfunktionen bzw. Klangentstehung.Endlich liegt ein Fachbuch vor, das den Reflexionsfragen als unabdingbare therapeutische Intervention ein eigenes Kapitel widmet und eine Auswahl dieser konsequent in jeder Übungsbeschreibung wieder aufgreift. Auch dem häufig vernachlässigten Aspekt des Transfers wenden sich die Autoren in einem komprimierten Kapitel zu.
Frau Föcking und Herr Parrino haben ein Standardwerk für die therapeutische Stimmpraxis geschrieben, welches hoffentlich zukünftig bereits in der Ausbildung zur Pflichtlektüre und stimmpraktischen Umsetzung gehören wird, denn „Arbeit an der Stimme ist Arbeit an der Stimme ist Arbeit an der Stimme …“ (Föcking, Parrino 2015, S. 92).

Stephanie Lehmann (Diplom-Medizinpädagogin, staatlich geprüfte Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin)Lehrende im Bereich Logopädie der Ludwig Fresenius Schulen (Berlin)